Physik, Geist und Gott?

Gut und Böse durch Geist oder Gehirn?

Was gut oder böse ist, bestimmt vor allem unsere Gesellschaft, und die ändert sich über die Jahrhunderte. So wurde die absichtliche Tötung eines anderen Menschen ohne Rechtfertigung wohl zu allen Zeiten als schlecht angesehen. Was sich ändert, ist die Einteilung, was als Rechtfertigung gilt. Heute wird gegenüber früheren Jahrhunderten außer der Notwehr wohl kaum ein Rechtfertigungsgrund übrig bleiben. Selbst das Töten im Krieg wird wohl von den meisten Menschen abgelehnt, außer vielleicht in der Defensive. Was jedoch noch problematischer ist, ist die Verantwortlichkeit für böse Handlungen, die Schuld. Man muss sich Fragen, ob der Antrieb für böse Taten vom Gehirn ausgeht oder vom Geist. Die Psyche und unser Verhalten im Leben entstehen nämlich im Gehirn, sind also körperlich! Bewusstsein oder Seele sind etwas ganz anderes!

Hat eine Seele also Pech gehabt, weil sie in einem Körper mit einem bösen Gehirn und einer bösen Psyche gefangen ist?

Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass unser Gehirn tatsächlich Entscheidungen fällt, noch ehe sie uns bewusst werden. Als Konsequenz würde unser Geist für Handlungen bestraft, die unser Gehirn veranlasst! Eine Diskussion, die in unserem Strafrecht immer mal wieder auftaucht, aber nicht neu ist! So wie Einsteins theoretisch-mathematische Behauptungen seit 100 Jahren immer wieder praktisch bestätigt werden, hat Arthur Schopenhauer das schon lange vorher behauptet. Es ist wohl eine seiner bekanntesten Thesen: »Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will!« Zu dieser Erkenntnis kam er viel mehr als 100 Jahre bevor wir mit Magnetresonanztomographie (MRT) dem Gehirn beim Denken zuschauen konnten.

Alle dualistischen Gegensätze haben die Eigenschaft, ohne das jeweilige Pendant nicht existieren zu können, ohne positiven Pol kein negativer, ohne Frau kein Mann, ohne Böses kein Gutes. Ähnlich beschreibt es ganz unauffällig J. R. R. Tolkien in  Der Herr der Ringe: Als Frodo in den Minen von Moria bedauert, dass Bilbo Gollum nicht getötet hat, als er die Gelegenheit hatte, erwidert Gandalf sinngemäß, dass auch das Böse seine Rolle zu spielen hat in der Welt und bestimmend über das Schicksal von vielen sein kann, sowohl zum Guten wie zum Schlechten! Und tatsächlich: Ohne das (manchmal böse) Eingreifen Gollums hätte Frodo sein Ziel nicht erreicht.

Wir neigen dazu, auch die geistige oder jenseitige Welt in gut und böse einzuteilen, in Gott und den  Teufel, aber das sind nur Symbole zur Orientierung. Die geistige Welt ist eins und das Ganze hat einen Sinn. Wir können ihn nur nicht sehen oder gar begreifen. Nicht einmal die Bibel versucht, ihn zu erklären. Sieht man den Sinn des Daseins auf Erden darin, ein ewiges Leben im Paradies zu erreichen, egal ob man es sich geistig oder körperlich vorstellt, so ist das noch lange kein Sinn an sich!

Solche unerwarteten Folgen in der Zukunft durch kleine Änderungen, Entscheidungen, oder sogar gut gemeinten Handelns, wie oben im Herrn der Ringe, wurden in vielen Romanen und Spielfilmen aufgegriffen, von Butterfly Effect bis Zurück in die Zukunft. Der Flügelschlag eines Schmetterlings, der dazu beiträgt, dass weit entfernt ein Taifun auftritt, kann die Zukunft von Menschen ebenso gravierend beeinflussen wie ein Staubkorn in der Lotto-Trommel. Wissenschaftler befassen sich mit dem Schmetterlingseffekt, dem Domino-Effekt, dem Schneeballeffekt und Kettenreaktionen in der Chaos-Forschung, die eines der jüngsten Forschungsfelder bildet und viel unfertiger, unübersichtlicher, unanschaulicher und schwer verständlicher ist als die Ökologie. Wir dürfen nicht erwarten, dass wir beides in absehbarer Zeit oder überhaupt jemals vollständig verstehen. Die Physik hat sich mit ihrem Teilchenzoo auch längst von den schönen klaren physikalischen Gesetzen eines Newton und selbst von der immer noch kausalen Relativitätstheorie entfernt. Begonnen hat es mit der Quantenmechanik, wo es enden wird, oder ob es überhaupt jemals enden wird, ob es ein Ziel hat, oder ein Endergebnis weiß niemand.

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Entstehung der Schuld 

Bitte beachten Sie: © 2010, 2021 von Erwin Purucker


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